Gemeinsame Geschichte - Gemeinsame Erinnerung

Vor dem Bielefelder Rathaus
Vor dem Bielefelder Rathaus

"Gemeinsame Geschichte - Gemeinsame Erinnerung" - dies war der Titel eines Seminars, das ich im Oktober 2017 für das Deutschbaltische Jugendwerk (DBJW) organisieren und durchführen durfte. Das Seminar fand im Rahmen der 30-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Bielefeld und Welikij Nowgorod statt und wurde von Mitteln des Bundesinnenministeriums finanziert. Mit ca. 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Russland, den baltischen Ländern und Deutschland versuchten wir Antworten auf Fragen zu finden wie "Kann es eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur geben?", "Ist die Schaffung eines euopäischen Geschichtsbuch möglich und überhaupt wünschenswert?" oder "Wie subjektiv oder objektiv ist Geschichte?". Auf der Seite des DBJW könnt ihr unter "Veranstaltungen --> 2017 --> SPS Bielefeld --> Bericht" einen kurzen und nett geschriebenen Bericht von einer der Teilnehmerinnen des Seminars lesen. Und hier findet ihr noch ein kurzes Video zum Seminar.


Weitere Quellen und Verweise zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur

Auf dieser Seite möchte ich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Seminars sowie für alle Interessierten ein paar weiterführende Links zu dem Thema "Europäische Erinnerungskultur" zur Verfügung stellen und damit eine tiefergehende Beschäftigung mit diesem Thema ermöglichen. Ich freue mich über Hinweise zu weiteren interessanten Seiten zu diesem Thema.

 

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist eine der wichtigsten Institutionen in Deutschland, wenn es um geschichtliche und politische Bildung geht. Auch sie hat sich in den letzten Jahren immer wieder mit dem Thema der transnationalen Erinnerung auseinandergesetzt und stellt daher eine gute Quelle dar, um sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

 

In diesem Artikel, der zwar schon 10 Jahre alt ist, aber nur wenig an seiner Aktualität eingebüßt hat, zeichnet Christoph Corneließen nach, wie sich getrenntes und gemeinsames Erinnern in Europa seit dem Ende des 2. Weltkrieges entwickelt hat. Dabei geht er auch im Speziellen auf den Erinnerungskonflikt zwischen Westeuropa, wo die Schrecken des Nazi-Regimes und die Befreiung von diesem als Bezugspunkte dienen, und Osteuropa, wo das Gedenken an die Opfer der Stalinzeit und der sowjetischen Okkupation oftmals im Vordergrund steht. Darüber hinaus geht der Autor auch auf Modi des Erinnerns ein und stellt fest, dass es nach dem Mauerfall eine Verschiebung der Erinnerungskultur von einem heldenzentrierten zu einem opferzentrierten Erinnern. Letztendlich spricht sich Corneließen trotz möglicher Gemeinsamkeiten des Erinnerns in Europa für länderspezifische Erinnerungskulturen aus, "denn die konkreten Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg bleiben nun einmal von Land zu Land, aber auch von Region zu Region, wie auch zwischen sozialen Gruppen, Generationen oder auch Geschlechtern ausgesprochen unterschiedlich".

Hier kann man die aufgezeichnete Abschlussdiskussion der von der bpb 2016 in Kiew organisierten Konferenz "Mapping Memories" anschauen. Unter dem Titel "Transcultural Memory in Europe - Challenges for The Future" diskutieren Georgiy Kasianov von der Nationalakademie der Wissenschaften der Ukraine, Irina Schtscherbakowa von der Russischen Staatlichen Universität der Humanwissenschaften und Thomas Krüger von der bpb über aktuelle Tendenzen der Geschichtspolitik in verschiedenen europäischen Ländern, die Möglichkeiten für eine transnationale Erinnerungskultur und die Gefahren, die sich aus dem Erstarken von populistischen und revisionistischen Strömungen in Europa ergeben.

Auf der Seite der bpb zu dieser Konferenz findet man übrigens eine ganze Reihe von Videos, die sich mit dem Komplex transnationalen Erinnerns unter verschiedenen Aspekten beschäftigen.

 

In ihrem Beitrag für die Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APuZ) geht Eva-Clarita Pettai auf erinnerungspolitische Entwicklungen im Baltikum seit der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit nach dem Fall der Mauer ein. Dabei beschreibt sie die zwischen- und innerstaatlichen Konflikte, die die drei baltischen Staaten seit Anfang der 90er bis zur heutigen Zeit prägen, und zeigt Möglichkeiten auf, um diese Konflitke lösen.

Hier findet ihr einen kurzen Beitrag der Deutschen Welle von 2013, in dem verschiedene Teilnehmer eines Symposiums in Berlin zu Wort kommen und ihre Sichtweise auf das Thema einer gemeinsamen europäischen Geschichte darlegen. Dieser Beitrag ist deswegen interessant, weil er beispielsweise auch auf ein potentielles europäisches Geschichtsbuch eingeht - ein Thema, mit dem wir uns auch während unseres Seminars in Bielefeld auseinandergesetzt haben.

 

Ebenfalls um Schulbücher geht es bei der Ausstellung "Different Wars", die sich mit der Sichtweise deutscher, russischer, polnischer, italienischer, litauischer und tschechischer Geschichtsbücher befasst. Ein kurzer Artikel des Tagesspiegel über diese Ausstellung zeigt einige generelle Tendenzen sowie Unterschiede zwischen den verschiedenen Schulbüchern auf.

In ihrem 2011 erschienenen Beitrag auf dem Portal "Lernen aus der Geschichte" setzt sich Ljiljana Radonic sehr kritisch mit Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa und den Gefahren einer gemeinsamen europäischen Geschichtsschreibung auseinander. Sie plädiert statt einer gemeinsamen Geschichtsschreibung innerhalb Europas für eine Orientierung an gemeinsamen europäischen Normen und dafür, dass sich jedes Land selbstkritisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt und somit Nationalismus eine Absage erteilt.

 

Eine ziemlich interessante Institution, die sich seit 2005 mit gemeinsamem Erinnern in Europa und vor allem der gemeinsamen Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt, ist das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität. In diesem Netzwerk kooperieren die Kultusministerien aus Deutschland, Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien. Ein Kernprojekt dieses Zusammenschlusses ist die jährliche Durchführung des "European Remembrance Symposiums" in wechselnden Städten. Man kann beim Durchklicken der Homepage echt interessante Texte entdecken (zum Beispiel die Zusammenfassungen der Symposien) und beim Durchsehen der Programme der vergangenen Symposien kann man beispielsweise herausfinden, welche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Wer mehr der auditive Typ, sollte sich nicht diesen Vortrag (auf der verlinkten Homepage rechte Spalte ganz unten) von Prof. Harald Welzer entgehen lassen, den er 2010 im Goethe-Institut Riga gehalten hat. In diesem Vortrag betrachtet er das Thema Erinnerungskultur aus einer kognitionswissenschaftlichen Perspektive. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Erinnerung vielmehr auf die Gegenwart und die Zukunft als auf die Vergangenheit bezogen ist. Anhand des Wandels der deutschen Erinnerungskultur mit Bezug zum Holocaust verdeutlicht er, wie die Überschreibung des kollektiven Gedächtnisses funktioniert und prophezeit, dass auch die jetzige Erinnerungskultur diesem Prozess in Zukunft unterliegen wird.

Im letzten Teil seines Vortrags setzt sich Welzer auch mit einer potentiellen europäischen Erinnerungskultur auseinander. Eine solche sieht er sehr kritisch, weil erstens alle Gesellschaften in Europa unterschiedliche kollektive Erinnerungen  hätten und sich zweitens Erinnerungskulturen nicht von außen aufzwängen ließen.