Armenien


Armenien grenzt im Westen an die Türkei, im Norden an Georgien, im Osten an Aserbaidschan und im Süden an den Iran. Es gehört mit Georgien und Aserbaidschan zu den drei Kaukasusrepubliken, die Teil des EU-Pro­gramms der Östlichen Partnerschaft sind. Mit dem Iran und Georgien pflegt Armenien neutrale bis gute Bezie­hungen. Im Iran lebt eine armenische Min­derheit, welche dort seit sehr langer Zeit beheimatet ist. Wenn man etwas rumkommt in Armenien, trifft man auch häufiger auf den einen oder anderen Armenier, der im Iran aufgewachsen ist. Die Be­ziehungen zur Türkei auf der einen und Aserbaid­schan auf der anderen Seite werden dagegen durch eine lange und komplizierte Geschichte von blutigen Kon­flikten und dem Genozid an den Ar­meniern von 1915 stark belastet. Doch zu diesen Themen werde ich mich noch ausführlicher in dem Bereich "Politik" zuwenden.

 

Diese Lage, zwischen dem großen Russland im Norden, dem Nahen Osten im Süden und vielleicht schon Mit­telasien im Osten (immerhin liegt noch das Kaspische Meer dazwischen), macht es schwierig für mich, Arme­nien einfach so einem Gebiet zuzuordnen. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Armenien liegt im Kaukasus. Punkt. Doch würde das dazu führen, dass man dieses Land zu sehr auf Grund seiner heutigen und zuvörderst geografischen Position beschreiben würde. Aber eine solche Einordnung kann nur einen groben Bezugsrahmen liefern und sagt noch wenig über Geschichte, Kultur und Selbstverständnis dieses Landes und seiner Bewohner aus. Möchte man Armenien verstehen – und das gilt für jedes Land – muss man sich auch mit der wechselvollen Geschichte und den Mentalitäten der Bewohner auseinandersetzen. Deshalb werde ich in den folgenden Kapiteln auch immer wieder auf diese Themen zurückgreifen und somit versuchen, ein um­fassenderes Bild von Armenien und den Armeniern zu zeichnen.

 


Die Leute

 

Mehr als 95% der Einwohner Armeniens sind ethnische Armenier, womit das Land weitgehend ethnisch ho­mogen ist. Es gibt einige numerisch kleine Minderheiten wie zum Beispiel die Molokanen (ethnische Russen, die sich von der russischen orthodoxen Kirche abgespalten haben) oder auch Jesiden. Diese ethnische Homo­genität spielt wohl auch eine Rolle, wenn die Frage aufkommt, ob denn jemand mit einem polnischen Nach­namen (wie im Falle meines EFD-Kollegen aus Deutschland) ein Deutscher oder ein gebürtiger Pole ist. Viel­leicht mag diese Frage irgendwo ihre Berechtigung haben und diese Frage wird Leuten wohl auch oft genug innerhalb Deutschlands gestellt. Aber manchmal wird man schon verwundert angeschaut, wenn man dann antwortet, dass es viele Deutsche mit polnischen Nachnamen gibt, aber sie bis auf dieser Nachname nichts (mehr) mit Polen zu tun haben.

 

Man kann nicht über Armenier schreiben ohne die große armenische Diaspora zu berücksichtigen. Fast über­all auf der Welt findet man Armenier und die Diaspora ist ungefähr doppelt bis dreifach so groß (je nachdem welchen Schätzungen man Glauben schenkt) wie die Bevölkerung in Armenien. Sind es in Süd- und Nordame­rika und Westeuropa sowie im Libanon und vor einigen Jahren auch in Syrien vor allem Westarmenier, so be­finden sich in Russland, im Iran und Georgien ostarmenische Diasporagemeinden. Während als Westarmenier diejenigen Armenier bezeichnet werden, die noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Osmanischen Reich ge­lebt haben, zählen diejenigen Armenier, die im Persischen Reich und später in der UdSSR gewohnt haben, als Ostarmenier. Sowohl was die Schrift- als auch was die gesprochene Sprache angeht, verwenden Ostarmenier eine geringfügig differierende Version des Armenischen. Die Diaspora und die in Armenien lebenden Arme­nier sind relativ eng miteinander verbunden, was wohl unter anderem damit zusammenhängt, dass sich alle Armenier auf den Genozid als ein identitätsstiftendes Merkmal ihrer Geschichte beziehen können. Dies wird jedes Jahr um den 24. April besonders deutlich, wenn rund um den Globus Hunderttausende Armenier auf die Straße gehen um an die Geschehnisse von vor mehr als 100 Jahren zu erinnern und für die offizielle Aner­ken­nung als Genozid eintreten.

 

A video about people in Dilijan made by former EVS volunteers.


Politik

Auch wenn ich mich nicht en détail mit dem armenischen politischen System auseinandergesetzt habe, kann ich doch das eine oder andere Wort darüber verlieren. So lässt sich Armenien als Land mit einem typischen postsowjetischen politischen System bezeichnen, das von einer Machtelite und einer ihr zugehörigen Partei regiert wird. Ist Armenien bisher noch auf dem Papier eine präsidiale Demokratie, wird sie nach einem Refe­rendum, das Ende 2015 abgehalten wurde, im Laufe der nächsten Jahre zu einer parlamentarischen Demokra­tie umgewandelt werden. Auf dem Papier – wie gesagt. Möchte man den Demokratiegrad Armeniens mit dem anderer Länder vergleichen, so reiht sich Armenien innerhalb der drei Kaukasusrepubliken zwischen Georgien und Aserbaidschan ein. Georgien ist also demokratischer und Aserbaidschan autokratischer. Und Armenien halt irgendwie dazwischen. Individuelle politische Freiheiten wie das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie die Teilnahme an Wahlen werden grundsätzlich gewährleistet. Doch sichern sich solche Regime ihre Macht auf vielfältige Art und Weise. Dazu zählen unter anderem Kontrolle über die Medien, wirtschaftliche Macht, sowie eine Mar­ginalisierung von anderen politischen Kräften. Ein weiteres Merkmal dabei ist, dass sich Armenien mit Aserbaidschan in einem Konflikt um die Region Berg­karabach befindet. Auf Grund dieser Gefahr von außen – so argumentieren die aktuellen Machthaber – dürfe das politische System nicht destabilisiert werden, da sonst die Verteidigungsfähigkeit des Landes darunter lei­den könnte. Und wenn es um die Causa Bergkarabach geht, vertreten tatsächlich die meisten Armenier die­selbe Meinung.


Im Auto – oder warum sich meine Einstellung zu Gefahren im Leben geändert hat

Es war eine der ersten Erfahrungen, die ich gemacht habe, als ich nach Armenien gekommen bin: Die Straßen sind übersät mit Schlaglöchern, die Autos sind teilweise in einem miserablen Zustand, und Sicherheitsgurte sind etwas für Turnbeutelvergesser oder sonstige „Leute, die um ihr Leben fürchten“ (so ein Taxifahrer zu mir). Kurz gesagt: Wenn man im Taxi oder der Marschrutka Platz nimmt, gibt man die Verantwortung für sein Leben an den Mann am Steuer ab.

 

Ok, vielleicht habe ich es etwas drastisch formuliert. Doch damit möchte ich einfach den krassen Unterschied zwischen dem, was ich aus Deutschland gewohnt bin, und dem, was ich hier erlebt habe, deutlich machen.

 

Kommen wir also zum ersten Punkt: der Zustand der Straßen. Ich wusste ja, dass viele Leute im Ausland von deutschen Straßen (und vor allem Autobahnen) schwärmen. Und schon 2007, als ich mit einem Jugendaustausch in Litauen war, ist mir der Spruch eines deutschen Teilnehmers als wir auf dem Weg nach Vilnius waren in den Ohren geblieben: „In Deutschland ist jeder Feldweg asphaltiert und hier noch nicht mal die Hauptstraßen.“ Ich weiß, dass sich in den letzten Jahren der Zustand der Straßen in Osteuropa (auch dank der EU-Mitgliedschaft) deutlich verbessert hat. Doch in Armenien ist deutlich und wortwörtlich zu spüren: die schwierige wirtschaftliche Lage, das harte Klima mit sehr heißen Sommern und sehr kalten Wintern, die fehlende Technologie. Alles das führt dazu, dass mehr Teppichflickerei betrieben wird und viele Straßen über Jahre oder sogar Jahrzehnte gar nicht erneuert werden. Das führt dazu, dass viele Straßen, vor allem im ländlichen Bereich und dort in den schlechteren Gegenden, große Schlaglöcher haben.

 

Nächster Punkt: die Autos und Marschrutkas. Es gibt verschiedene Typen von Autos, die das Straßenbild prägen. Grob eingeteilt würde ich dabei was Autos angeht drei Typen unterscheiden. Zuerst sind das Autos russischer, europäischer oder japanischer Automarken, die schon 15 oder mehr Jahre auf dem Buckel haben, wieder aufgerüstet wurden und von den Besitzern auf Trab gehalten werden. Diese Gruppe dürfte mehr als zwei Drittel aller Autos hier ausmachen. Dann gibt es da noch einen kleinen Anteil an relativ neuen Wagen aus europäischer oder asiatischer Produktion. Und zuletzt gibt es noch die Porsche, Mercedes-Benz und Nissan-Limousinen, die einfach herausstechen. Vor allem fragt man sich, wie die Leute solche Autos finanzieren. Vielleicht möchte man das aber auch gar nicht so genau wissen… Meistens war ich natürlich in solchen alten Autos oder alten Marschrutkas unterwegs. Und wenn der Fahrer die Straße nicht schon wie im Schlaf kennt und jedem Schlagloch mit Leichtigkeit ausweicht, kann es auch schon mal ganz schön ruckelig werden. Und dann ist auch nichts mit am Fenster anlehnen und ein bisschen vor sich hin dösen. Spätestens nach 30 Sekunden erinnert einen das nächste Schlagloch unliebsam daran, dass das mit dem Anlehnen doch keine so gute Idee war. Aber mittlerweile bin ich schon Experte darin geworden einfach mit aufrechtem Körper zu dösen :D

 

Und zuletzt noch die Sache mit dem Sicherheitsgurt. Ich glaube, ich kann an meinen Fingern abzählen, wie oft ich in Armenien während der knapp 11 Monate einen Sicherheitsgurt benutzt habe. Ihr merkt, so häufig kann es nicht gewesen sein. Und es ist ja wirklich nicht so, dass ich so etwas auf die leichte Schulter nehmen würde. In Deutschland benutze ich immer den Sicherheitsgurt und würde jeden, der das nicht tut, als lebensmüde bezeichnen. Aber hier habe ich ziemlich schnell gemerkt: entweder du bestehst auf deine deutschen Sicherheitsstandards oder du kommst von A nach B. Dann doch lieber von A nach B kommen. Aber am Anfang hat mich schon der Gedanke begleitet, dass hier jede Autofahrt meine letzte sein könnte. Erst heute hat mir mein Taxifahrer erzählt, dass ein guter Freund von ihm vor kurzem bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. So etwas hält ihn aber natürlich nicht davon ab, mich als seinen guten Freund und Stammkunden nach Hause zu fahren. (Wir hatten kurz zuvor je drei große Pinnchen Selbstgebrannten gemeinsam getrunken.)

 

Was möchte ich mit diesem etwas längeren Text sagen? Weder möchte ich sagen, dass ich die in Deutschland geltenden Standards und Regeln für zu streng oder gar schwachsinnig halte. Ich halte sie im Gegenteil sogar für sehr sinnvoll. Was ich vielmehr sagen möchte ist, dass Verhaltensweisen, die man für „normal“ hält (sich anschnallen, null Promille beim Autofahren, etc.), in anderen Teilen der Welt keine so hohe Bedeutung haben. Das bedeutet, dass jeder und jede sich auf andere (und in diesem Falle auch einfach gefährlichere) Umstände einstellen muss und bis zu einem gewissen Grad eine Balance finden muss, sich auf diese neuen Umstände einzulassen oder halt nicht mit all den Konsequenzen, die dazu gehören. Und ich habe für mich beschlossen, dass ich für die Zeit, die ich in Armenien bin, diese „gefährlichen“ Situationen einfach so nehme wie sie kommen.

 

Aber keine Sorge: In Deutschland werde ich mich natürlich wieder anschnallen und null Promille bedeutet null Promille ;)