Armenisch


Lernen

Mein Name auf Armenisch (hat mein Gastvater für mich geschrieben ;-) )
Mein Name auf Armenisch (hat mein Gastvater für mich geschrieben ;-) )

Ich habe in den letzten Jahren schon mal eine Sprache von Beginn an gelernt, und zwar Russisch. Ich hatte mit Russisch begonnen, weil ich wusste, dass ich ein Auslandssemester in St. Petersburg verbringen werde. Trotz dieser Vorbereitung konnte ich in den ersten Wochen in Russland weder ein Wort verstehen, noch selber ei­nen vernünftigen russischen Satz sagen. Nach zwei Monaten konnte ich mich erstmals verständlich ausdrü­cken und zusammenhängende Sätze verstehen. Und nach vier Monaten konnte ich fast alles verstehen und mich auch mehr oder weniger verständlich machen. Mit einem ähnlichen Prozess hatte ich auch in Armenien gerechnet. Aber Fehlanzeige. Nach mehr als sechs Monaten bin ich immer noch weit entfernt davon, einem Gespräch zu folgen, geschweige denn ein normales Gespräch mit einem Armenier zu führen.

 

Dass es schwieriger für mich ist, diese Sprache zu lernen, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Der wichtigste Grund ist wohl, dass es für mich einfach nicht notwendig ist, diese Sprache zu lernen. So kann ich mich prob­lemlos mit den meisten Leuten hier in Russisch oder Englisch verständigen. Und wenn Leute merken, dass ich Russisch spreche, haben sie auch kein gesteigertes Interesse daran mit einem Deutschen eine Unterrichtsein­heit Armenisch zu veranstalten. So sprechen wir also im Büro und zu Hause Englisch. Und wenn ich alleine un­terwegs bin oder mit Leuten aus Dilijan sprechen will, nutze ich Russisch. Selbst wenn ich der einzige Auslän­der unter Armeniern bin (zum Beispiel während meiner Tanzstunden), wird dort zwar die ganze Zeit Arme­nisch gesprochen. Doch davon verstehe ich kaum etwas. Und wenn dann der Trainer oder einer der anderen Teilnehmer mit mir sprechen will, greifen sie auch auf Englisch oder Russisch zurück.

 

Aber ich hoffe, dass ich die letzten vier Monate noch nutzen werde, um zumindest mein Sprechen auf ein ak­zeptables Niveau zu bringen. Aber das werde ich dann Ende August sehen…

 


Die Sprache an sich

Wer kann Armenisch finden? :P Vergrößerte Ansicht hier: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4f/IndoEuropeanTree.svg (Quelle: Von Multiple authors - Original work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5746315)
Wer kann Armenisch finden? :P Vergrößerte Ansicht hier: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4f/IndoEuropeanTree.svg (Quelle: Von Multiple authors - Original work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5746315)

Da ich kein Linguist bin, werde ich in diesem Teil vor allem auf meine persönlichen Erfahrungen und auf das, was ich über das Armenische gelesen habe, zurückgreifen.

 

Armenisch ist wie auch Deutsch, Englisch und Russisch eine indogermanische Sprache, steht aber innerhalb dieser Sprachfamilie ziemlich alleine da. So gehören Englisch und Deutsch beispielsweise zum germanischen Zweig und das Russische mit Sprachen wie dem Polnischen oder dem Tschechischen zum slawischen Zweig des Indogermanischen. Von den Sprachen, die in den Nachbarländern Armeniens von einer großen Anzahl von Menschen gesprochen werden, sind nur das Persische und das Kurdische ebenfalls Mitglied der indoger­manischen Sprachfamilie. Dagegen gehört Georgisch zu den kaukasischen Sprachen und Türkisch und Aser­baidschanisch zu den Turksprachen.

 

Das Armenische Alphabet besteht aus 39 Buchstaben. Tatsächlich: 39 Buchstaben! Diese relativ große Anzahl von Buchstaben macht es nicht gerade einfacher, Armenisch lesen und schreiben zu lernen. Dafür werden die Buchstaben normalerweise immer gleich ausgesprochen. Ein a ist also immer a, ein u ist immer ein u. Dies trifft zum Beispiel für das Deutsche nicht zu. Vergleichen wir beispielsweise die Wörter „bunt“ und „heute“, sehen wir schnell, dass das deutsche „u“ jeweils unterschiedlich betont wird. Auch gibt es in der armenischen  Sprache einzelne Buchstaben, die unser „sch“ oder „ch“ (wie in „Dach“) repräsentieren. So weit - so einfach.

 

Schwieriger wird es da schon mit einem anderen Charakteristikum des Armenischen. Wir kennen im Deut­schen die Unterscheidung zwischen „g“ und „k“, zwischen „b“ und „p“, zwischen „d“ und „t“. All diese Laute existieren auch in der armenischen Sprache. Doch zusätzlich gibt es auch noch folgende Laute, die ich im Wei­teren mit einem Doppelpunkt kennzeichnen werde: „k:“, „p:“ und „t:“. Was bedeutet das nun? Im Deutschen werden k, p und t normalerweise aspiriert. Das bedeutet, um es in meiner Laiensprache zu sagen, dass man während dieser Laute ausatmet. Doch k:, p: und t: werden nicht aspiriert. Und das muss man erst mal hinbe­kommen, wenn man sein ganzes Leben lang solche Laute aspiriert ausgesprochen hat! Und selbst, wenn man erst einmal verstanden hat, wie diese Laute gebildet werden, vergisst man das während des Sprechens wieder ganz schnell und aspiriert automatisch. Da muss ich also noch viel üben.

 


Wie wichtig das Wissen über die eigene Sprache ist, um andere Sprachen zu lernen

Eine Sache, die ich immer wieder während des Deutsch- oder Englischunterrichts feststelle, ist, dass das Wis­sen meiner Schüler über ihre eigene Sprache und generell über Grammatik ausbaufähig ist. Es gibt auch Schü­ler, denen Grammatik sehr viel Spaß macht und sich sehr viel damit beschäftigen. Aber manchmal stoße ich schon an meine Grenzen der Sprachvermittlung, wenn ich beispielsweise einer Zehnjährigen den deutschen Dativ erklären soll. Dies hängt auch damit zusammen, dass es einen richtigen Dativ im Armenischen nicht zu geben scheint. (Da bin ich mir aber auch nicht wirklich sicher.) Bei älteren Schülern kann ich häufig auf den Dativ im Russischen verweisen, der dem Dativ im Deutschen schon sehr ähnelt. Doch bei jüngeren Schülern funktioniert das normalerweise nicht. Lernt man als deutscher Muttersprachler die vier deutschen Fälle (No­minativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ), lernt man auch die dazugehörigen Fragen (Wer?, Wessen?, Wem?, Wen?). Dasselbe gilt für Latein und Russisch, wo es jeweils sehr eindeutige Fallstrukturen gibt.

Doch Fragen alleine bringen einen Nichtmuttersprachler noch nicht sehr viel weiter. Denn was nützt es mir, wenn ich weiß, dass die Frage für den Dativ „Wem?“ (oder „Was?“) lautet, aber ich beispielsweise nicht weiß, ob es richtig heißt „Wen habe ich etwas geschenkt?“ oder „Wem habe ich etwas geschenkt?“. Dieses Wissen habe ich entweder nur als Muttersprachler, als jemand, der lange mit der Sprache zu tun hatte, oder ich habe gelernt, dass zum dem Verb „schenken“ der Dativ gehört. Das bedeutet letztendlich, dass es nicht nur reicht, die entsprechen­den Fragen zu kennen, sondern viel wichtiger ist es, die Konzepte hinter den einzelnen Fällen und Präpositio­nen und Verben zu lernen, nach denen spezifische Fälle folgen. Und das setzt natürlich wiederum voraus, dass auch ich als der Lehrende diese Konzepte kenne. Vielleicht verlasse ich mich beim Unterricht aber auch zu häufig von meinem Sprachgefühl leiten, statt vorher die Regeln nachzuschlagen. Aber ich habe ja noch Zeit, mich in diesem Bereich zu entwickeln. Ich habe bereits damit begonnen, mir eine eigene kleine Grammatik über die deutsche Sprache zusammenzustellen.

 

Darüber hinaus kann ich nun auch die Forderung von Migrationsexperten sehr gut nachvollziehen, Migranten­kindern mutter­sprachlichen Unterricht anzubieten. Denn wenn man seine eigene Sprache (auch grammatika­lisch) gut be­herrscht, hilft das schon sehr beim Lernen einer neuen Sprache.